1. Juli 2022: Tag 14 – Eiskalte Finger, Gedanken über das Aufgeben und ein Großmutterschlafzimmer

1. Juli 2022: Tag 14 – Eiskalte Finger, Gedanken über das Aufgeben und ein Großmutterschlafzimmer

Von Montreux über die Alpenpässe nach Vercelli (ca. 250km, teilweise grobe Bergstraßen)

Schon beim Schlafengehen am Donnerstag war mir der einsetzende Dauerregen nicht geheuer. Es klang, wie Salzburger Schnürlregen und der hört bekanntlicher Weise ja auch kaum auf. Aber, das Glas ist halbvoll und die Hoffnung stirbt zuletzt.

Am frühen Morgen war es, wie ich es vermutet hatte. Grau in Grau, trostlos, der See in einem bleiernen Zustand und der Temperatursturz gewaltig. Es tröpfelte immer wieder, aber hinter den Bergen könnte man etwas Licht vermuten und daher beeilte ich mich mit dem Fertigmachen. An dieser Stelle wieder ein Dank an Gina Halbauer. Durch die Packtricks geht es inzwischen schnell. Glücklicherweise beginnt das Frühstück im Hotel um 7.00 Uhr und somit blieben mir noch ein paar Minuten mich von diesem wunderbaren Hotel zu verabschieden und den lebensnotwenigen Kaffee zu mir zu nehmen. Das Aufpacken auf die Principessa ist eine Logistiksache und nachdem ich bereits ein paarmal alles wieder herunternehmen musste, funktioniert auch das perfekt.

Die Route von Montreux nach Vincelli
Abschied von Montreux

Na dann, ein letztes Au revoir und los ging es zuerst Richtung Simplon Pass, genau dorthin, wo es dunkel Schwarz war. Etwa 500m nach dem Hotel begann der große Regen. Ich fand Gott sei Dank eine Tankstelle und kramte mein Regengewand hervor, las noch einmal die Routendetails, bevor ich das Handy verstaute (ich brauche unbedingt eine wasserfeste Hülle!).

Die nächsten zwei Stunden brachten mich zum ersten Mal an meine Grenzen. Starker Nebel, Regen und Kälte. Trotz der Griffheizung- konnte ich meine Finger kaum mehr bewegen so klamm waren sie. Der Schmerz in den Fingern, die Kälte, der uneinsehbare Nebel und die sich steil bergauf schraubenden Bergstraßen, ohne besondere Sicherung, trieben mir die Tränen in die Augen. Ich, die normalerweise sagt „ich kenne keine Angst“, verspürte dieses ungute Angstgefühl, das Dich versteift und daher noch unsicherer werden lässt. Zu irgendeinem Zeitpunkt habe ich dann lockergelassen und bin einfach gefahren. Kurve für Kurve und Kehre für Kehre.

Ununterbrochen mit mir sprechend – „mittig anfahren, kippen, nach rechts ziehen; bis zum Rand fahren, aus der Kurve schauen, nach links ziehen“. Landschaftlich kann ich wenig sagen. Nasser Asphalt schaut immer gleich aus und Nebel auch. Schemenhaft habe ich dazwischen Kirchentürme, Wälder, Felsformationen gesehen, aber ich war froh, dass die Principessa unbeirrt ihre Spuren zog und habe mich auf der Schweizer Seite nicht aufgehalten.

San Bernardino
San Bernardino
Am Fuss des San Bernardino

Als ob ich es geahnt hätte, Italien empfing mich mit aufreißender Wolkendecke, wo das Blau des Himmels mir schon wieder ein Tränchen kostete, und die ersten Sonnenstrahlen mich angenehm wärmten. Ich blieb bei der ersten Möglichkeit, einer kleinen Raststation, stehen und muss ein Bild des Mitleides abgegeben haben, denn die Wirtin umsorgte mich sofort mit Decken und heißem Kaffee und einem Schokocroissant. Es hatte etwas Tröstliches und bald waren nicht nur meine Hände wieder erwärmt, sondern auch meine Lebensgeister erwacht. Die dort laut diskutierende Herrenrunde wollte unbedingt, dass ich ein Glas Rotwein trinke, aber das konnte ich verhindern.

Lokal am Fuss des San Bernardino
Jause in einem Lokal am Fuss des San Bernardino

Durch das Aosta Tal ging es dann  flüssig und ohne große Verkehrseinschränkungen. Hier wird Obst und Gemüse angebaut und das doch sehr breite Tal lässt genug Sonne herein. Man sieht die, zum Teil schneebedeckten, Gipfel des Matterhorns, Mont Blanc, Monte Rosa und Gran Paradiso Überall in der Region finden sich mittelalterliche Burgen und Festungen wie z. B. die aus dem 14. Jahrhundert stammenden Burgen Fénis und Verrès.

Der Blick ins Aostatal
Der Blick ins Aostatal
Der Blick ins Aostatal
Der Blick ins Aostatal

Und dann auf einmal wird es flacher und italienischer, die Felder weiten sich und die Temperatur steigt und es riecht nicht mehr nach Bergen und Wälder, sondern nach diesem trockenen Boden, der sich trotzdem kultivieren lässt. Ich habe das Piemont erreicht und gleich darauf Vercelli, die Reishauptstadt Italiens.

Ich hatte dann nach all den Erlebnissen keinen Kopf mehr für einen Stadtrundgang, aber die Unterkunft war beeindruckend. Mitten im Zentrum in einem kleinen Palais vermietet der Besitzer 3 Zimmer mit Bädern und sogar eine Garage für die Principessa war vorhanden.

Vincelli, die Hauptstadt des Riso
Mein Zimmer im Casa di Nonna in Vincelli
Casa di Nonna in Vincelli
Casa di Nonna, mein Bed & Breakfast in Vincelli
Fliesenboden im Casa di Nonna in Vincelli

Ihr könnt euch vorstellen, dass ich nach einer ausgiebigen Dusche froh war ins Bett zu kommen. Vorsichtig war ich beim Vorbeigehen an der großen Schrankwand mit Pretiosen und den chinesischen? Vasen. Wer weiß, ich mit meiner Schusselei…

Morgen schau ich mir dann Vercelli an, ja, morgen …

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1 comment

  1. Mah, das mir Nässe und Kälte ist wirklich das Schlimmste. Da erinnere ich mich an die Rocky Mountains in Kanada, die ich großteils in strömendem Regen erlebte und nichts von den atemberaufenden Bergen um Banff sehen konnte. Und zur Sommersonnenwende in Norwegen zog ich mir Erfrierungen an allen Fingern zu. So schmerzhaft! Mitten im Sommer. Man glaubt es nicht.

    Was ich lernte ist, dass Aufgeben echt keine Option ist. Jedesmal wird man entschädigt und erlebt einfach Wunderbares. Mir scheint, Du machst ähnliche Erfahrungen beim Er-Fahren ferner Straßen und Landschaften. Weiter so!!

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