20. Juni 2022: Auf der Suche nach der Vergangenheit

20. Juni 2022: Auf der Suche nach der Vergangenheit

Von San Giorgio di Nogaro über Chioggia und Ravenna nach Cesenatico (277km)

Der Tagesbeginn versprach nur Gutes. Ein morgendliches Schwimmen im Pool, ein wenig durch den Garten spazieren, ein wunderbares Frühstück mit Annelies und Robert, ohne Hektik zusammenpacken und dann gemütlich losrollern Richtung Mare.

Manchmal kommt aber alles anders und es bewahrheitet sich das Sprichwort „In der Ruhe liegt die Kraft“. Oder aber ich bin nach 3 Tagen bereits so gechillt, dass ich mit unberechenbaren Situationen ruhig umgehen kann?

In der Ruhe liegt die Kraft

Ich besteige also um geplante 10.00 Uhr die Principessa II, ein letztes Lächeln für Annelies und Robert, den Startknopf gedrückt und … nichts. Einen kurzen Moment setzt der Herzschlag aus. Nochmals gestartet, ein müdes gequältes, leiser werdendes Jaulen, statt des satten Malossi Sounds. Der Herzschlag setzt Gott sei Dank wieder ein, aber der Schweiß rinnt in Strömen und das nicht nur, weil es inzwischen wirklich warm geworden ist und die Motorradjacke + der Helm noch eines daraufsetzen. Der gequälte Sound kommt mir sehr bekannt vor. Wer hat noch nicht das Licht beim Auto brennen lassen und am nächsten Tag dafür bezahlt, weil sich die Batterie verabschiedet hat?

„Bitte Principessa, nicht jetzt! Nicht am Tag 3! Warum jetzt?“ Annelies und Robert kommen näher. „Sie geht nicht!“ Lakonische Feststellung von mir. Inzwischen habe ich mich ausgezogen und die Principessa wieder entladen. Die Batterie. Nächster Gedanke – ich rufe Reinhard Prasch an. Er konnte es sich zwar auch nicht erklären, aber zumindest erfuhr ich, dass ich mit Starterkabel ohne weiteres auch von einer Autobatterie Starthilfe bekommen könnte und danach ca. 30min fahren muss. Dann „SOLLTE“ es wieder funktionieren. Wenn nicht … Lichtmaschine? Ende der Reise…. Es wird funktionieren! Inzwischen hat Robert den sizilianischen Nachbarn von gestern angerufen, der sofort herbeieilt. Wir legten die Batterie frei und positionierten das Starterkabel, Robert startete sein Auto und ich – mit Herzklopfen – drückte den Starterknopf. Heureka! Der Malossi Sound war wieder da. Nun galt es zumindest 20min zu fahren. Mein ängstlicher Blick Richtung Tankuhr wurde ignoriert. Nach einigen Runden stellte ich den Motor ab und versuchte einen neuerlichen Startversuch – es funktionierte. Inzwischen war es nach 11.00 Uhr und nach Beladen und einem kurzen Tankstopp ging es endlich los – meine Erleichterung war grenzenlos.

Die Strecke nach Klein Venedig (Chioggia)

Ich wählte die etwas holprigen, aber wunderbar authentischen Landstraßen Richtung Venedig und all den Namen, die wir an der oberen Adria kennen. Lignano, Caorle, Jesolo… Mein Ziel war Chioggia, auch Klein Venedig genannt, die oft übersehene kleine Schwester der La Serenissima.

Die Straßen führen durch fruchtbares Land, die berühmten Backsteinbauten, die z.T. verfallen, weil auch hier das Leben der Bauern immer schwieriger wird. Den Weg begleiten Weingüter und es wird fleißig bewässert. Auffallend, dass sich gerade die Italiener strikt an die Geschwindigkeitsbegrenzungen halten, die auf diesen Straßen zwischen 50km/h bis 70km/h sind.

Immer wieder quert ein Kanal die grüne Landschaft und an den Häusern der pittoresken Dörfer blühen die Blumen in wunderbaren Farben. Jede Kirche lädt zur Besichtigung ein und im Normalfall wäre ich mit Besichtigungen und Weinverkostungen höchstens 50km weit gekommen, daher habe ich es mir verkniffen und war dann schon bald nahe Venedig.

Mein Navi leitete mich durch Mestre und ich kann guten Gewissens sagen, dass ich dort nicht einmal begraben werden möchte. Mestre, die vorgelagerte Stadt zu Venedig gehörend – die meisten werden den Bahnhof kennen – ist furchtbar. Eigentlich besteht Mestre ausschließlich aus Straßen, Autobahnen, Kreisverkehre, die bedenkliche Abzweigungen in Industriegebiete anzeigen. Apropos Industriegebiete – davon gibt es hier wirklich genug. Straßen und Industriegebiete. Ich verzweifelte fast an meinem Navi, das mich meinem Gefühl nach ununterbrochen im Kreis leitete und in mir langsam die Angst aufstieg nie wieder hier aus dieser Stadt zu kommen.

Man soll seinem Navi vertrauen. Auf einmal war ich auf der anderen Seite und der Geruch des Meeres drang durch meinen Helm in meine Nase.

Ja, ich bin gleich in Chioggia.

Route von San Giorgio nach Chioggia
Die Principessa II im Hafen

Dieses Städtchen ist ein Traum. Nicht nur, dass es an manchen Stellen wirklich wie die Kopie der großen Schwester aussieht, hat es sich sein eigenes Leben bewahrt und wird nicht durch Touristenströme gelenkt. Die Fischerboote kommen und gehen und bringen ihre wertvolle Fracht. Fisch essen ist in Chioggia fast Pflicht und meine Spaghetti Vongole direkt am Hafen gegessen waren ein Gedicht. Überhaupt habe ich wieder diesen speziellen Geschmack aller Lebensmittel. Sie schmecken hier einfach anders. Das Leben in Chioggia ist langsamer, normal, unaufgeregt. Die Wäsche hängt draußen, die beiden Kolleginnen plaudern in der Mittagspause bei einem Eis, der Fischer gönnt sich zwischen den Netzreparaturen ein Glas Vino Bianco. Viele Vespas, zumeist wunderbare alte Modelle, die hier noch immer nicht von E-Bike verdrängt wurden. Die bewundernden Blicke galten durchwegs Principessa II, ich wirke ja in der steifen, unbeweglichen Motorrad Jean (sicher, aber schiach), der Motorradjacke und dem Vollvisierhelm wie eine Mischung aus „Mann in der sexuellen Findungsphase und Nutztier, dass zum ersten Mal Wick MediNight probiert, hat“ (Hazel Brugger). Trotzdem waren alle echt freundlich zu mir und ich habe mich nur schwer von hier trennen können. Unbedingt besuchen, es ist es wert.

Ein erster Blick auf den Hafen von Chioggia
Der Hafen von Chioggia
Spaghetti alle Vongole - Chioggia
Andrea in Chioggia

Weiter ging es an Ravenna vorbei nach Cesenatico

Route Chioggia - Milano Marittima
Route Milano Marittima - Cesenatico

Warum eigentlich Cesenatico werdet ihr fragen. Cesenatico ist so ein Kindheitstraum. Dort haben wir Mitte der 60er Jahre ein paar Mal Urlaub gemacht, als wir noch eine Familie waren. Und ja, es ist so, wie ich es in Erinnerung hatte. Die Vespa abgestellt – hoffentlich springt sie morgen an ☹ – und im Hotel eingecheckt. Renovierter 60er – 70er Jahre Stil. Einigen von euch, die 6 Sterne super stylishe Boutiquenhotels mit Shiseido Beauty Spa suchen würden sich Kopfschüttelnd abwenden. Ich liebe es. Es ist blitzsauber, die Zimmer sind hell und bieten alles, was man braucht. Die für mich immer ekelerregenden Teppichböden wurden gegen Laminat ausgetauscht und sonst ist alles funktionell. Im Bad das traditionelle Bidet, das wir immer zum Abschwemmen des Sandes von den Füßen verwendet haben und dann das Badezeug drinnen eingeweicht wurde. Alle sind gechillt und entspannt. Das Personal freundlich. Der Speisesaal groß und ein bisserl an das Internat erinnernd. Aber sie sind alle da. An ihren Tischen, wo die Zimmernummer steht und noch immer auf nicht ausgetrunkene Flaschen die Zimmernummer draufgehängt wird. Die italienische Großfamilie, das ältere Ehepaar, das wahrscheinlich seit 40 Jahren hierherkommt. Das junge, verliebte Pärchen, die kaum essen, weil sie sich dauernd an den Händen halten. Um 21.30 Uhr ist Schluss, da geht man an die Bar. Vor dem Hotel sind Sitzgelegenheiten, die gleich von allen beschlagnahmt werden und das leidenschaftliche Reden der Italiener geht weiter. Es ist, als ob ich heimgekommen wäre. Eines hat sich auch noch verändert, inzwischen gibt es statt des Zimmerschlüssels eine Zugangskarte und Wlan ist frei.

Es ist eine andere Welt: Bäume in Cesenatico
Ein "Wuzzeltisch" in Cesenatico

Mein erster Weg war zum Meer. Wie damals durch ein kleines Pinienwäldchen – tief einatmen und den Geruch wahrnehmen, den Sand unter den Füßen spüren- und dann – herausgetreten aus dem Wäldchen – den bekannten Blick. Ein Bagno neben dem anderen. Unterschiedlich nur durch die Farbe der Liegen und der Schirme und ebenfalls fast unverändert. Sogar der Tischfußballtisch steht noch dort. Ich gehe durch die Liegenreihen, fühle mich ganz stark angekommen und dann der erste Schritt ins Meer. Die Adria ist nicht die Karibik. Der Sand ist nicht weiß und daher gibt es hier nicht diese türkisenen Farbenspiele. Mir gefällt es hier, weil Du Dich – vor allem abends – wie im Wellenbad fühlst, weil es so gut nach Meer riecht und weil es meinem Knöchel guttut. Nach fast einer Stunde im Wasser schwimmen, planschen, einfach nur stehen und den Horizont betrachten, weiß ich – es ist einfach alles gut! Eine Welle der Dankbarkeit drückt mir ein paar Tränen heraus und ich könnte hier in Cesenatico bis zum Knie im Wasser stehend gerade die Welt umarmen.

Endlich am Meer
Die Flut kommt
Der Strand von Cesenatico
Ein Sonnenschirm am Strand von Cesenatico

Vielleicht sollten wir alle ein wenig öfter die Welt umarmen!

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10 comments

  1. Ich danke schon jetzt dafür, mitreisen zu dürfen. Erfahrungsgemäß nimmt das Eintauchen, Abtauchen, Durchtauchen mit jedem Tag zu. Noch mehr Dankbarkeit, noch mehr Gelassenheit und noch mehr im Hier und Jetzt. Das prophezeie ich für die nächsten drei, vier Tage. Genial!

  2. So toll geschrieben!!
    Danke für das „Teilhaben lassen“
    Wenn man sich grad gar keinen Urlaub leisten kann, dann ist es umso schöner „mitreisen“ zu dürfen!

  3. Hallo Andrea..danke für deinen Reisebericht…ist meine Pflichtlektüre geworden ..wünsche dir wunderschöne Tage 🇮🇹🇮🇹😀😀 lg Trixi

  4. Du schreibst so lustig, spannend und es ist für mich wie eine innere Reise durch deine Kindheit . Ich bin Schongang gespannt auf morgen . Gute Fahrt!

  5. Danke für die Möglichkeit dich bei deiner wunderbaren Reise zu begleiten. Wenn ich so mitlese, dann sehe ich dich schon irgendwann in Italien leben. Da komm ich dich dann fix besuchen.
    Danke für deine großartigen Berichte!
    Alles Liebe! Regina

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