21. Juni 2022: Von Kurven, Kehren und einer Fußgängerzone

21. Juni 2022: Von Kurven, Kehren und einer Fußgängerzone

Von Cesenatico über Arezzo nach Siena (202km)

Ich liebe das Meer am frühen Morgen

Wenn sich die Nacht verabschiedet und immer mehr Helligkeit und Sonne das bleierne Grau durchbricht. Das leise Glucksen der Wellen und das langsame Erwachen eines neuen Tages, das bald in die Hektik der täglichen Routine übergehen wird. Heute gibt es keine Routine, nur dieses langsame Erwachen. Das dachte ich, als ich um 5.50 Uhr an den Strand spazierte, nicht ohne vorher noch tief im angrenzenden Pinienwäldchen durchgeatmet zu haben. Bei dem Bagno herrschte schon eifriges Gewusel, die Liegestühle wurden zurechtgerückt und der davor liegende Strand von angeschwemmten Muscheln, Seetang und Algen befreit. Italiener müssen Frühaufsteher sein. Am Strand entlang waren bereits Muschelsucher, Jogger, Hundebesitzer bei der Morgenrunde fleißig unterwegs. Apropos Hund, besonders sympathisch finde ich, dass hier überall Hunde erlaubt sind und man diese auch kaum spürt, da sich alle entsprechend höflich verhalten.

Der Strand in Cesenatico am frühen Morgen
Was das Meer so in der Nacht angeschwemmt hat (Muscheln, Tang, ...)
Vorbereitung der Liegen für den Tag am Strand

Eine Zeit lang beobachtete ich das Treiben und ließ mir die ersten Sonnenstrahlen auf das Gesicht scheinen und plötzlich schoss es mir durch den Kopf … wird die Principessa II heute anspringen? Ich muss noch zusammenpacken – was bei den beengten Platzverhältnissen jeden Tag aufs Neue eine Herausforderung darstellt – ich sollte den Blog von gestern schreiben, die Routenplanung für heute machen, Frühstück…

Ihr seht also auch im Urlaub ist man mit gewissen Verpflichtungen konfrontiert.

Ich mache es kurz, um euch nicht auf die Folter zu spannen – La Principessa II war mir gewogen und mit dem inzwischen vertrauten Malossi Sound starteten wir in Richtung Toskana.

Die Route von Cesenatico nach Siena
Die Principessa II läuft wie geschnürt

„Die Toskana ist eine Region in Mittelitalien und ihre Hauptstadt Florenz die Heimat einiger der bekanntesten Renaissance-Kunstwerke und -Gebäude der Welt, so etwa Michelangelos Statue „David“, die Werke Botticellis in den Uffizien oder die Kathedrale von Florenz. Die vielfältige Naturlandschaft erstreckt sich von den rauen Apenninen über die Strände der Insel Elba am Tyrrhenischen Meer bis zu den Olivenhainen und Weinbergen der Chianti-Region.“ (Google)

Route Cesenatico - Sogliano al Rubicone
Route Sogliano al Rubicone - Arezzo

Ich suchte mir absichtlich eine Route, die ausschließlich über Landstraßen führte und erhoffte mir ein entspanntes Dahinrollern in einer Landschaft, die dem Auge schmeichelte und die Seele erfreute. Manchmal kommt es anders, als man sich erhofft hat. Die Route von Cesenatico bis Arezzo entspricht kaum den Postkartenbildern, die wir von der Toskana im Kopf haben. Zypressengesäumte Straßen, die in sanften Wellen durch Weinberge führen und immer wieder am Gipfel kleine romantische Städtchen, die über allem thronen. Dieses Bild zeigt sich ab etwa 30km vor Siena und wird mich wahrscheinlich morgen begleiten. Der heutige Weg war der „wilde“ Bruder und führte mich unbarmherzig und kontinuierlich über einspurige Straßen, deren Qualität ich nicht mit Worten beschreiben kann (Asphaltaufbrüche, Schotter, Flickwerk, Risse) und die mich – völlig ungesichert – mit teilweisen Gefällen von 15% und gefühlten 1000 Kurven und Kehren an meine physischen und psychischen Grenzen brachten. Meine Schwäche bei linken Kehren bergab wurde mir fast zum Verhängnis, als ich zu weit nach links abdriftete und beinahe in einem Asphaltriss stecken blieb. Es war ein fast 3-stündiger Kampf für knapp 90km. Die Landschaft noch etwas wilder, teilweise Karst, viel Wald.

Sogliano al Rubicone
Die Landschaft zwischen Cesenatico und Arezzo

Nachdem ich endlich wieder einmal am Fuße eines dieser „Hügel“ vor einem Kreisverkehr stand, sah ich das Schild Castelli di Sorci Ristorante und nahm die erste Ausfahrt, um dorthin zu fahren. Schweißüberströmt, geschafft und laut Uhr mit Spitzenwerten von 123 Herzfrequenz kam ich dort an und da war sie dann auf einmal – die Toskana. Der Baustil, die Umgebung, die Freundlichkeit, das Essen – Tagliatelle al Ragú – haben mich wieder ins Lot gebracht und im Nachhinein bin ich auch ein wenig stolz auf mich. Rudi – mein ehemaliger Fahrlehrer – wird sich halt noch einmal eine Stunde mit mir quälen müssen (die Kehren nach links bergab 😊), aber sonst passt es.

Castello di Sorci
Tagliatelle al ragu
Castello di Sorci innen

Ich entschied mich dann aber, die verbliebenen km bis Siena auf der Bundesstraße zu fahren und die Kurven und Kehren für heute zu lassen.

Siena ist mit seinen mittelalterlichen Ziegelbauwerken, dem Dom und dem eindrucksvollen Platz davor bekannt und als Ziel für Reisen durch die Toskana beliebt. Ich habe wieder einmal meinem Navi vertraut und die Adresse des B&B eingegeben. Zügig durchfuhr ich eines der inneren Stadttore und war sogleich umgeben von Vespas. Ein Eldorado für alle, die ältere Modelle lieben. Ich vertraute den Vespas und meinem Navi und drang immer mehr zum eigentlichen Zentrum vor.

Die Schilder wiesen zwar eine Fußgängerzone aus, mir kam es aber mehr als Begegnungszone vor. Bis ich auf den letzten 150m zu meiner Unterkunft alleine mit meiner Vespa (Malossi Sound!) zwischen den Fußgängern war. Was soll ich euch sagen. Wenn Blicke töten könnten… ein junger Amerikaner schrie mich an, dass das eine Fußgängerzone wäre, ein Grüppchen Studentinnen starrten mich an, als ob ich aus dem Weltall käme und die älteren Semester an den kleinen Bartischen grinsten, beugten sich vor und warteten auf das Unverhinderbare. Plötzlich, wie aus dem Nichts, ein Carabinieri. Er schaute mich an und erklärte mit geduldiger Stimme, dass dies eine Fußgängerzone wäre und was ich hier machen würde. Ich erklärte ihm, dass ich hier in diesem B&B ein Zimmer gebucht hätte und mein ganzes Gepäck hinaufbringen müsste, ganz abgesehen davon, dass ich meine Vespa irgendwo hinstellen müsse. Er blieb weiter völlig ruhig „Non puoi stare qui“ Was so viel bedeutet wie hier nicht, fahr einfach weg. Also verließ ich die Fußgängerzone und suchte einen SICHEREN Parkplatz für die Principessa, was in einem Städtchen wie Siena gar nicht leicht ist. 950m von meiner Unterkunft fand ich dann einen in meinen Augen adäquaten Stellplatz (ob sie morgen noch da ist, werde ich dann berichten) und versuchte das Nötigste zusammenzuschnüren, um mich bei 38 Grad Hitze mit einer Motorrad Jean, einer Motorradjacke, einer Tasche, die gefühlt 40kg wiegt, einem Helm und einer wirklich miesen Laune auf den Weg zu machen. Das B&B entpuppte sich als Juwel, das erkannte ich aber erst nachdem ich beim Vermieter, einem reizenden jungen Mann, meinen ganzen Ärger schwitzend und schnaufend abgeladen hatte. Er blieb ruhig, ich nahm eine Dusche und nachdem ich noch Schuhe brauchte, ging ich den ganzen Weg noch einmal zurück und dann wieder hinauf. Über 20.000 Schritte bei einer Vespa Tour kommen so zustande 😊.

Siena Palazzo Pubblico
Siena Fonte dei Pispini
Campari Spritz in Siena am Hauptplatz

Letztlich klang der Abend gechillt aus und ich habe meinen Campari Spritz am Hauptplatz mit Blick zum Dom genossen und ein wenig über die Erlebnisse des vergangenen Tages gelächelt.

Wir sollten einfach alle öfters über uns lächeln!

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9 comments

  1. Ein herzliches Danke für deinen Blog. Ist wirklich wie ein wenig Urlaub und eine gute Vorbereitung auf eigene Touren. Habe mich auch im Spätsommer 2020 für den Kauf einer 300 GTS HPE entschieden und was soll ich sage: Einfach die beste Investition, die ich seit langem gemacht habe. War heuer mit meiner Principessa schon in Südtirol unterwegs….man muss sie ja mindestens einmal im Jahr in die Heimat bringen… 🙂

  2. Vielen Dank für Ihren Blog. Er ist interessant, spannend und sehr unterhaltsam. Ich liebe Italien, war gerade in Umbrien. Ich freue mich schon auf weitere Berichte..alles Gute weiterhin

  3. Tapfer, tapfer, liebe Andrea! Wie man sieht, wächst man an seinen Aufgaben … und wir letzten Endes belohnt! Danke, dass wir so „mit(er)leben“ dürfen! Freue mich jeden Tag, Deinen Blog zu lesen!
    Gute Fahrt weiterhin 🛵

  4. Danke für Ihren Blog,hat Erinnerungen an mich geweckt, allerdings habe mit Bus durchgereist. Lg von Sr. Jolly! Safe travels 🏍

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