22. Juni 2022: Tag 5 – Von Siena nach Pisa

22. Juni 2022: Tag 5 – Von Siena nach Pisa

Das Leben besteht nicht aus den Momenten, in denen Du atmest. Es sind die Momente, die Dir den Atem rauben.

Von Siena durch die Toskana via Panzano, Greve, Montespertoli, und Carmingnano nach Pisa (175km)

Ein neuer Morgen – eine andere Stadt. Langsam verschwimmen bei mir Zeit und Raum und wenn ich die Augen öffne, muss ich mich konzentrieren, um zu wissen, wo ich jetzt genau bin. Das ist keine beginnende Geisteskrankheit, sondern das Los von Vielreisenden mit sehr kurzen Aufenthalten. Ich habe für mich entschieden, dass es bei mir der Beginn der totalen Entspannung ist. Während ich mich philosophischen Gedanken in der Erwachens Phase hingab, stand auf einmal eine Frage vor meinen Augen … Ist die Principessa II gut über die Nacht gekommen? Sie ist allein, 950m von mir entfernt und allem ausgesetzt. Hat sie ihren Auspuff noch (Malossi mag man eben; ein anderes Mal führen wir vielleicht die Grundsatzdiskussion Akrapovic versus Malossi 😊), ihre Räder, ihren Sitz?

Die morgendliche Routine des Zusammenpackens auf kleinstem Raum wird immer flotter und in Anbetracht von 1 km Fußmarsch bis zur Vespa, vollgepackt mit allem Gepäck, war ich schon bald beim Frühstück, das typisch italienisch nur Croissants und Kaffee bot. Ich mag die Kargheit, aber momentan keine Croissants – man muss ja ein wenig auf die Kalorien achten – und entdeckte mit meinem morgendlichen Ristretto in Händen eine wunderhübsche Terrasse mitten in der Stadt.

Fazit: Das B&B Il Corso ist stylish, in bester Lage, mit einem besonders freundlichen Vermieter, der neben Besichtigungs- auch Lokaltipps gibt. Zufahren geht nicht, daher wenig Gepäck mitnehmen und italienisches Frühstück mögen.

Terrasse

950m habe ich mir ausgemalt, welche Schritte ich als nächstes setze, wenn der Principessa irgendetwas passiert wäre. Und dann – da stand sie unversehrt und bester Dinge und angesprungen ist sie auch sofort.

Nach Rücksprache mit der wunderbaren Ulrike Gutkas, die meine Homepage designed hat und sie jetzt für euch betreut, würde sie mir den letzten Blog gegen 11.00 Uhr übermitteln, damit ich ihn auf Facebook stellen kann. 11.00 Uhr – pah!

Damit startete ich meine heutige Tagesetappe.

Route von Siena bis zur Chianti-Straße
Route über die Chianti-Straße nach Montespertoli
Route von Montespertoli nach Pisa

Die zwei Gesichter der Toskana

Ich hatte schon gestern erzählt, dass die Toskana offenbar 2 Gesichter hat, die wilde und die sanfte. Und dann gleich auf den ersten Metern war sie da – die sanfte Toskana. Deutlich bessere Straßenverhältnisse – obwohl ich es ein wenig bedauert habe, dass sämtliche Zufahrten zu den auf der Strecke liegenden Castellos geschottert sind und damit für Vespas – auch mit etwas breiteren Reifen – schier unbefahrbar – ein unbeschreiblicher Duft, der dich begleitet, sanfte Hügel mit Weinreben neben Olivenhainen und den so typischen Zypressen und Pinien. Auf den höchsten Punkten immer wieder Dörfer und kleinere Städte mit ihren mittelalterlichen Steinhäusern, die von Ocker über ein sanftes Braun bis Terracotta in der Sonne leuchten.

Landhaus in der Toscana
Hauseinfahrt in der Toscana
Allee in der Toscana
Die Principessa II in der Toscana

Die Straßen kurvig, aber nicht aggressiv, stellenweise ist es fast wie Walzer tanzen, dann wieder recht anspruchsvoll, weil Gefälle bis 18% und siehe da – heute sind die links Kehren schon sehr viel besser gegangen. Die Landschaft ist so schön anzusehen, dass mir immer wieder um eine der Kurven der Atem gestockt ist. Man kommt wie in eine Art Trance und möchte nur immer weiter durch diese Schönheit fahren. Ich bin eine leidenschaftliche Fotografin, aber ich erkenne auch, wann ein Bild niemals das vermitteln kann, was Du über Deine Wahrnehmung in Deinem Herzen speicherst. Diese unsagbar schönen Momente muss man erleben und in sich tragen, um sie in grauen Tagen wieder zu aktivieren. Ein paar Fotos sind mir dann doch geglückt, doch auch diese sagen nicht aus, was die Natur hier in der Toskana im Überfluss ausgeschüttet hat.

Und so bin ich fast trunken von den Düften, den wunderbaren Anblicken und dem mich einhüllenden Glücksgefühl vor mich hin gerollert und habe völlig auf die Zeit vergessen. Ein leichtes Hungergefühl holte mich in die Realität zurück. 13.30 Uhr! Der Blog! Hunger! Wo ist eine nette Osteria, wo ich ein wenig pausieren kann. Hunger und Blog mussten noch warten, denn es ist wie immer – suchst Du nicht, findest Du, suchst Du, findest Du nicht 😊. Und so war es auch bei mir. Ich stellte fest, dass Mittwoch offenbar Ruhetag bei den meisten Restaurationsbetrieben hier in der Toskana ist und hatte mehr Hunger und noch mehr Hunger…

Endlich etwas zu essen!

Während ich 1h später schon etwas entnervt durch Montespertoli kurvte, sah ich – wie eine Fata Morgana – eine kleine Osteria am Straßenrand gut gefüllt mit lachenden, wild gestikulierenden und sich zuprostenden Einheimischen. BREMSEN! „Per Bacco“, was so viel heißt wie „Für Bacchus“, wurde meine heutige Labstelle. Dem Bacchus konnte ich nicht frönen – beim Rollerfahren trinke ich keinen Alkohol -aber eine ausgezeichnete Pasta mit Paradeisern, Basilikum und Burrata versöhnte mich mit der Welt. Daher erschien der Blog auf Facebook auch erst gegen 14.30 Uhr. Nach einem kräftigen Ristretto setzte ich meine Fahrt fort.

Der Blick auf Montespertoli
Osteria Per Bacco in Montespertoli
Wasser in der Osteria Per Bacco in Montespertoli
Nudeln mit Tomaten, Basilikum und Burrata in der Osteria Per Bacco in Montespertoli
Der Kaffee nach dem Essen muss unbedingt sein. Osteria Per Bacco in Montespertoli

Mein Weg führte durch jenen Teil der Toskana, wo Chianti angebaut wird. Das Chianti ist wohl eines der bekanntesten Weinanbaugebiete Italiens und unter Kennern längst kein Geheimtipp mehr. In Greve, Castellina, Radda und Gaiole kann man Weinbergromantik hautnah erleben. Die grünen Hügel des Chianti erstrecken sich von Florenz bis Siena und genau dort habe ich mein Herz in diese Landschaft verloren.

Erst kurz vor Pisa bin ich auf die Schnellstraße aufgefahren und war gespannt, wieviel Fußgängerzonen ich heute unsicher machen würde.

Pisa oder Siena, wer ist meine Favoritin?

Aber nein, Pisa buhlte gleich von Beginn an um meine Zuneigung, indem ich problemlos bis vor die Hoteltüre fahren konnte. Auch dieses Hotel liegt mitten in der Stadt und man erreicht alles Wesentliche zu Fuß. Hotel di Stefano – wirklich einen Besuch wert. Unglaublich freundlich, mit sehr freundlichen und klug eingerichteten Zimmern und einen 24h Service. Die Dachterrasse hat noch ein besonderes Flair und es machte meinen Tag perfekt, als ich die Sonne hinter dem schiefen Turm von Pisa untergehen sah… ähm der schiefe Turm … da hält sich so ein Gerücht, dass ich mit der Principessa II beim Einparken nicht aufgepasst hätte …

Die Principessa II parkt vorm Hotel di Stefano
Schiefer Turm von Pisa über die Dächer fotografiert
Schiefer Turm von Pisa
Der schiefe Turm von Pisa

Nachdem ich angekommen war und meine Sachen verstaut hatte, machte ich mich mit einem Stadtplan bewaffnet auf die Reise. Die Piazza dei Miracoli mit dem Battistero, dem Duomo und dem Torre pendente strahlt wirklich etwas Zauberhaftes aus. Ein wenig Spaß muss aber auch auf ehrwürdigem Grunde sein und es macht schon Freude den Menschen zuzuschauen, welche Verrenkungen sie anstellen, um sich dann im Foto gegen den Turm zu lehnen, ihn zu halten, oder wie ich es tat, ihn mit zwei Fingern zurückzudrängen 😊. Spannend war der Spaziergang um die Stadtmauer (Mura), die mich zum Fluss Arno brachte, wo ich den Ruderern eine Zeitlang zusah. Wasser hat immer eine Anziehungskraft und gibt mir viel.

Aperol Spritz in Pisa
Sightseeing-Tour durch Pisa in Bildern

Der nächste Weg war durch die traditionelle Einkaufsstraße. Diesmal sehr entspannt, weil ich keinen cm2 Platz habe, um noch etwas unterzubringen und daher definitiv wusste, dass ich nichts kaufen werde. Schade eigentlich – die wundervollen Pantoletten, die pinkfarbene Marlene Hose, die bezaubernden Täschchen. Es wurde ein Aperol und ein Tramezzino – auch gut, irgendwie 😊.

Am Rückweg noch einige schöne Plätze, Statuen und Innenhöfe gesehen und recht müde noch einen Blick auf der Hotelterrasse über Pisa streifen lassen. Pisa, Du hast mein Herz erobert – man weiß ja oft nicht, wo die Liebe hinfällt.

Morgen verlasse ich die Toskana und bin nach 5 Tagen und 1000km dort, wo ich eigentlich nach 24h mit der ÖBB sein wollte. Es war jeden km wert und ich freu mich jetzt auf die Landstraße entlang der Ligurischen Küste!

Vielleicht sollte man öfters vor dem Schlafengehen glückliche Momente heraufbeschwören. Ist besser als heiße Milch ☹.

Share this post

1 comment

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.