24. Juni 2022: Tag 7 – Gefangen in der Stadt?

24. Juni 2022: Tag 7 – Gefangen in der Stadt?

Von Genua nach Torrazza/Imperia km (100km)

Ich bin nun seit 1 Woche auf Tour und das ist Grund genug ein paar Erkenntnisse mit euch zu teilen. Zuerst aber – wie immer – der Reisebericht.

Wieder einmal hat sich herausgestellt, dass „In der Ruhe liegt die Kraft“ mehr als zutreffend ist. Der Tag begann phänomenal und mein ursprünglicher Groll gegen das B&B war längst verflogen, denn die besonders rührige Besitzerin mit 3! Staatsbürgerschaften (RUS/UA/ITA) sorgt nicht nur für das besonders saubere und elegante Ambiente, sondern sie bereitet ein exquisites Frühstück zu. Highlight ihr selbstgemachtes Joghurt. Sie kann nichts für die Regeln der Stadtregierung betreffend der Ein- und Zufahrtsverboten. Und so hatte ich nicht nur ein herrliches Frühstück, sondern auch ein spannendes Gespräch über die Ukraine, den Krieg, Putin und Selenskyj aus Sicht einer Betroffenen. Ich war auch nicht in Eile, da ich absichtlich am letzten Tag der ersten Woche, die zu fahrenden km deutlich reduzierte, und geplant hatte entlang der Bundesstraße SS1 Via Aurelia in ca. 2h Imperia zu erreichen.

Nachdem ich wieder einmal schwitzend und keuchend mein Zeug zur Principessa brachte und wieder einmal erstaunt war, dass sogar meine Stiefel unter der Sitzabdeckung noch immer da waren – mein Vertrauen in die Ehrlichkeit wächst – versuchte ich die bockende App Calimoto zu aktivieren.

Was soll ich sagen, ich habe Genua kennengelernt

Das wilde morgendliche Genua im Straßenkampf. Ich habe zig Verkehrsregel verletzt, mich mit Genuesen duelliert, eine direkte Kontaktaufnahme mit einem SUV knapp verhindert und bin irgendwann bei einer Tankstelle stehen geblieben, um die Principessa aufzutanken,

aber auch um dem Wahnsinn ein Ende zu setzen aus einer Stadt nicht herauszukommen.

Das bedeutete aber entweder alles ausschalten und sich auf den Orientierungssinn und/oder das Bauchgefühl zu verlassen, oder das Handy kurzfristig herunterzufahren, neu zu starten und neu einzugeben. Das sah gar nicht mehr so übel aus, bis ich merkte, dass Calimoto mich mit über 8h über die Berge leiten wollte, um dann vom Norden nach Imperia vorzudringen. Das war der Zeitpunkt, wo ich auf Google Maps umstieg und endlich nach ca. 1,5 – 2h fast triumphierend Genua auf der SS1 verließ.

Einschub: Genua ist, wie so viele Städte, massiv gewachsen und die Infrastruktur ist diesem Wachstum nicht 1:1 gefolgt. ½ Million Menschen drängen sich auf 240 km2 und sind durch die steilen Berge, die zT mitten in der Stadt stehen, zerrissen.  Genua mag eine charmante Stadt sein, wenn man dorthin geführt wird, wo in der Altstadt die prächtigen Palazzi und Kirchen stehen, oder zum alten Hafen. Für Menschen, die auf der Durchfahrt sind, oder nur 1-2 Tage Zeit haben wirkt sie aufdringlich stressig und besteht hauptsächlich aus Hochstraßen, Tunnels und Brücken, die zu queren einem Selbstmordkommando gleichkommt.

Kaum aus der Stadt heraußen, begeistert die Küste von Varazze über Savone, Imperia bis Ventimiglia (Riviera di Ponente). Vorbei an beliebten Badeorten mit Kies- und Sandstrand und einem ziemlich starken Wellengang und im Hinterland hochgelegene, mittelalterliche Dörfer inmitten von Olivenhaine, Weinreben und Zitronenbäumen. Italien pur, die Badeorte ein wenig in den 50igern hängengeblieben. Mir gefällt das sehr.

Wie grün und schön ist das Meer
Riviera di Ponente (Riviera des Westens)

Leider kommt man in den Badeorten naturgemäß nur sehr langsam voran und mit meinem Zeitdefizit von 2h unfreiwilliger Genua Stadtrundfahrt und der Aussicht, dass mir Google Maps prognostizierte, noch mind. 6h entlang der Küste bis Imperia zu brauchen, fuhr ich wieder einmal auf die Autobahn auf, um die letzten km Zeit zu schinden und rechtzeitig in Torrazza zu sein.

Torrazzo am Hügel
Was so alles neben der Strasse wächst
Kapelle in Torrazzo
Ein Hauswinkel in Torrazzo
Hausdurchgang in Torrazzo
Es gibt viele malerische Ecken in Torrazzo

Diesmal erlebte ich die Situation „starker Wind“ auf einer Autobahn, die hoch über dem Boden verläuft und ich muss sagen danke Reinhard Prasch, das Windschild hat mich gerettet. Angenehmes Erlebnis war es trotzdem keines, aber die Principessa scheint mir zu ähneln – sie gibt niemals auf!

So kamen wir schließlich noch rechtzeitig zur angegebenen Zeit in Torrazza an und ich wurden nach Anruf vom Vermieter abgeholt und mit dem Gepäck 200m höher in einen Turm bzw. ein Turmzimmer verfrachtet. Heißa, das war jetzt einmal wirklich geil und ich konnte mich auf der kleinen Terrasse stehend gar nicht sattsehen. Blick auf das Meer vom Bett aus – an 2 Seiten verglast, ein supermodernes süßes Badezimmer und richtiges Prinzessinnenfeeling. Das B&B Dal Patriarca ist wirklich zu empfehlen.

Der Blick vom Turmzimmer Richtung Meer bei Imperia
Das Zimmer im Turm oder Rapunzel, lass dein Haar herunter

In den umliegenden Dörfern gibt es unterschiedliche Lokale, ich habe mich für die Pizzeria e Ristorante Amelia entschieden und gut war es. Endlich einmal in Italien Pizza gegessen und den traditionellen Aperol Spritz zelebriert.

Pizza in der Pizzeria Amelia
Salat in der Pizzeria Amelia
Getränke in der Pizzeria Amelia
Visitenkarte Pizzeria Amelia

So ging ein Tag, der eigentlich völlig unaufgeregt sein hätte sollen doch mit einigen Erlebnissen gespickt zu Ende und ich konnte auf der Terrasse die Sterne und die Lichter der Stadt bewundern.

Vielleicht sollten wir öfters Ruhe bewahren und nicht gleich so furchtbar aufgeregt sein. Es ändert sich dadurch nichts. Ich zähle in solchen Fällen meist langsam und leise von 10 herunter und dann frage ich mich, wie man die Situation am besten lösen kann.

Erkenntnisse einer Vespa Fahrerin on tour nach der 1. Woche:

  • Man nimmt immer zu viel Gepäck mit
  • Hotels und B&B eher außerhalb historischer Stadtkerne buchen und von vorneherein abfragen, ob es eine Parkmöglichkeit vor Ort gibt
  • Streckendauer – vor allem bei Küstenstraßen – nicht unterschätzen, sie sind zumeist nicht so einschätzbar, wie bei uns
  • Gelhandschuhe – erhältlich für Radfahrer buffern ein wenig die Stöße während langer Fahrten und verringern das Risiko ein Sulcus ulnaris Syndrom zu bekommen
  • Ein Windschild auf der Vespa ist das Beste, das ich jemals einbauen habe lasen
  • Für solche Touren braucht man eine stärkere Vespa

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3 comments

  1. Ich genieße es deine Berichte zu lesen, das ist wirklich eine sehr besondere Reise. Danke für die vielen zusätzlichen Infos. Kann sein, dass wir mal auf dieser Route mit dem Auto nach Frankreich fahren. Eine Reise wie diese war auch schon immer mein Traum, voll mein Geschmack. Pass auf dich auf und ja wir lernen täglich dazu. Viel viel Freude noch!

  2. Liebe Andrea,
    Wenn man bedenkt , dass du erst 1 .Woche unterwegs bist, sind es schon sehr viele Eindrücke, Erlebnisse, Bilder die du uns allen mitteilen kannst.Danke dafür.

  3. Nach einer Woche ist man richtig drinnen im Reisen. Das erlebe ich selbst immer wieder und ich höre es auch von anderen. Eine Woche, bei manchen ein paar Tage früher, selten später. Ich merke das bei Dir an den schönen Erkenntnissen, die Du auflistest oder zwischen den Zeilen offenbarst. Und das Allerschönste für uns Daheimgebliebene: Dein Schreibstil ist so flockig leicht, federnd und freudvoll. Von der ersten Zeile an ist man schon mittendrin und fühlt sich wie ein unsichtbar mitreisendes Wesen. Ein großes Dankeschön nach dieser ersten Woche.

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