25. Juni 2022: Tag 8 – Klippen, Fischsuppe und die Police nationale

25. Juni 2022: Tag 8 – Klippen, Fischsuppe und die Police nationale

Torrazza (Imperia) – San Remo – Ventimiglia – Menton – Nizza – Toulon – Marseille (300km)

Ich habe mich nur schwer von meinem Rapunzel Turm in Torrazza trennen können, obwohl ich sicher weiß, dass ich in diesen Dörfern auf längere Sicht nicht leben könnte. Meine Bewunderung gilt der Bevölkerung, die unter großen Anstrengungen weiterhin diese Gegenden hochhält und bewirtschaftet. Hauptsächlich wird hier Olivenanbau betrieben und heuer ist aufgrund der seit November anhaltenden Trockenheit die Ernte in Gefahr. Das unglaubliche ist aber, dass diese Menschen trotz der Kargheit, den körperlichen Anstrengungen und den Abhängigkeiten von der Witterung positiv denken und leben. Sie feiern, sind gastfreundlich und nähern sich jedem Fremden ohne Argwohn. Das überträgt sich auf die Familie, die Kommune, den Landstrich. Zusammenhalt und Freude am Sein, das sind schon sehr gute Grundlagen.

Auf dem Weg zur Küstenstraße bin ich noch schnell in die Kirche Nostra Signora Assunta gegangen, um für liebe Verstorbene Kerzen anzuzünden. Das ist eine lieb gewonnene Gewohnheit auf meinen unglaublich vielen beruflichen und privaten Reisen, die mich um die ganze Welt geführt haben, geworden und leider werden es immer mehr Kerzerln.

Vor der Kirche in Torrazza
Gedenkkerzen in der Kirche von Torrazza

Ich hatte geplant die knapp 300 km entlang der Küste zu rollern und das Flair der unterschiedlichen Badeorte zu erleben.

Samstag ist offenbar ein schlechter Zeitpunkt, um über Flair zu sprechen. Die Autoschlangen winden sich im Schritttempo weiter und mitten drinnen sind Marktstandler, einkaufende Einheimische und herumirrende Touristen (immer erkennbar am Sonnenhut und der Badetasche mit der Strohmatte) als Garnitur. Besonders erwähnenswert, dass hier in Italien – das ändert sich in Frankreich deutlich – den Vespitis vieles nachgesehen wird und sie so eine Art Sonderstellung haben. Da ich im Laufe der letzten Tage immer mutiger geworden bin, schlängelte ich mich inzwischen schon sehr selbstbewusst durch das Kuddelmuddel, aber wie schon gesagt – ohne Flair.

Zwischen den Orten bleibt dann etwas Zeit die Gegend zu betrachten. Ab der französischen Küste steigt die Straße bis in schwindelerregende Höhen an, das ergibt auf der einen Seite unbeschreibliche Ausblicke, andererseits ist die volle Konzentration gefordert, was ein kontinuierliches Halten für Fotos fast unmöglich macht. Es ist sehr viel umständlicher auf der Vespa sitzend Fotos zu machen. Parkplatz sichten, abstellen, Helm ab, Handschuhe aus, Handy von der Konsole, absitzen, Handy vom Navi Modus umstellen, Foto, alles wieder retour. Daher verzeiht, dass es nicht so viele Bilder sind. Die meisten trage ich im Herzen.

Die französische Grenze ist sehr unspektakulär und in ein paar Jahren, wenn die Bougainvillea über das Schild gewachsen ist, wird man es kaum mehr wissen.

Angekommen in Frankreich
Labung in Menton
Terrasse direkt am Meer in Menton
Der malerische Ort Menton an der französischen Mittelmeerküste
Der Blick auf den Hafen von Menton
Blick auf Menton von der Terrasse des Lokals aus

Gleich der erste Ort nach der Grenze ist Menton. Die hügelige, mittelalterliche Altstadt wacht über die Strände von Menton an der Cote d’Azur und man bekommt hier schon ein erstes Mal dieses stylische Flair zu spüren. Ich habe mich da schon ein wenig ausruhen müssen und einen „VERGIN“, also alkoholfreien Drink, zu mir genommen. Die Preise steigen recht deutlich, aber man gönnt sich ja sonst nichts.

Und weiter ging es entlang der pittoresken Küste mit der beeindruckenden Ansicht der Skyline von Monaco – wenn man oben an der Küstenstraße fährt und hinunterblickt, sieht man welch unglaubliche Konstruktionen von Pools in den luxuriösen Wohnanlagen in architektonischer Meisterleistung hier vollbracht wurden – einem Abstecher nach Èze zwischen Nizza und Monaco gelegen und einem Zwischenstopp in Nizza.

Monaco
Die Principessa II in passendem Rahmen in Monaco
Stärkung am Weg

Nizza war neben Marseille und Grenoble eine Lieblingsstadt meiner Mutter, also blieb ich kurz stehen und stellte fest, dass aus Nizza zwischenzeitlich eine Großstadt geworden ist. Nizza ist die Hauptstadt des Departements Alpes-Maritimes und wurde von den Griechen gegründet. Damals war es wahrscheinlich beschaulicher und ich nehme Reißaus vor der Masse und fahre weiter Richtung Antibes und Cannes.

Ein Blick auf die Uhr zeigt mir wieder einmal, dass Küstenstraßen verleiten und viel Zeit brauchen. Aber ich habe ja immer einen Joker knapp daneben und so fahre ich bei Mougins auf die Autobahn auf und hole mir so ein wenig Zeit zurück.

Klippen und Meer zwischen Toulon und Marseille
Küste und Meer zwischen Toulon und Marseille

Ein kurzer Abstecher nach Toulon musste dann denn doch sein, denn dort zwischen Toulon und Marseille ist die Küste wahrlich majestätisch und das Meer ungezähmt. Interessant für eine Tour ist sicher auch der Parc national des Calanques kurz vor Marseille, aber seit Cinque Terre habe ich es nicht so mit Nationalparks 😊.

Éze an der französischen Mittelmeerküste
Andrea kurz vor Marseille

Marseille! Nun habe ich den westlichsten und südlichsten Punkt meiner Reise erreicht und werde hier auch bis Montag bleiben. Meine Mutter wollte immer, dass ich genau hier eine Bouillabaisse esse und dazu eisgekühlten Rosé trinke. Diesen Wunsch kann und werde ich ihr gerne erfüllen.

Die Hafenstadt Marseille mit dem Vieux-Port als Herz der Stadt hat viele Seiten und ich habe bereits am ersten Abend einige davon sehen können. Mit ca. 900.000 EW und einem stetig steigendem Flüchtlingsstrom kämpft Marseille einerseits gegen Armut und Kriminalität und andererseits gegen den Ruf die gefährlichste Stadt Europas zu sein. Ich gebe zu, dass ich auch sicherheitshalber ein Hotel etwas außerhalb gebucht habe, wo ich die Principessa in der hoteleigenen Tiefgarage gut verwahrt weiß. Statistiken weisen Marseille nicht gefährlicher aus als viele Großstädte, die wir kennen und die Kriminalität bezieht sich hauptsächlich auf Bandenkriege und gewisse Viertel, die es als Tourist zu meiden gilt. Die zunehmende Armut führt einerseits zu Bettlerbanden, andererseits zu Taschendiebstählen, daher ist es zu empfehlen die Dinge nahe am Körper zu tragen und sämtliche Wertgegenstände im Hotelsafe zu lassen. Und da ich keine Wertgegenstände habe, ging ich unverdrossen los, um am Alten Hafen in einem mir empfohlenen Lokal „Lesquinade“ die berühmte Fischsuppe zu genießen.

Vieux-Port (alter Hafen) von Marseille
Im Hafen von Marseille
Der Hafen von Marseille

Unglaublich viele junge Menschen, die sich durch die schmalen Gassen zwischen Cafés, Meeresfrüchte-Restaurants, Hotels und Gauklern und Musikern ihren Weg bahnen. Es fühlt sich wieder an, als ob es Covid nie gegeben hätte. Lebenslust pur und für jeden etwas.

Die Bouillabaisse war ein Traum und im Überschwang habe ich mir vorher noch Austern gegönnt. Das ganze mit einem exzellenten Rosé aus der Gegend gespült und mein Leben war völlig in Ordnung. Ich bin stolz darauf, dass ich inzwischen allein essen gehen kann. Nicht einfach schnell auf einen Lunch in der Mittagspause, sondern ein richtig schönes Abendessen. Es ist spannend Menschen zu beobachten und dem bunten Treiben vor dem Lokal zuzusehen.

Restaurant l'esquinade Marseille
Was das Meer so alles zu bieten hat - Austern

Ich hatte vor mir für den Heimweg ein Taxi zu organisieren und begab mich auf den Kai des Vieux-Port, wo die Menschen flanieren und die Autokolonne nach Parkplätzen Ausschau hält. Da müssten auch Taxis sein. Auf dem Weg sah ich dann auch ein wenig die Armut und menschliche Not, die sich mitten in den Touristenströmen abspielt. Der alte Mann, der kaum noch Kleider am Leib hat und offenbar einen epileptischen Anfall erleidet. Die Sanitäter waren bereits vor Ort, daher musste ich nicht aktiv werden und aus Pietät habe ich auch kein Foto gemacht. Die junge Frau mit den 2 kleinen Kindern, die mit unbewegtem Gesicht da auf der Straße sitzt. Ich habe ihr 10,– Euro gegeben und in ihr Gesicht gesehen. Sie war höchstens 20. Abseits der menschlichen Tragödien gibt es natürlich auch immer viel Abfall, wo Menschen sind. Wir werden es offenbar nie lernen, den anfallenden Abfall richtig zu entsorgen. Aber das ist ein anderes Thema.

Bettlerin im Hafen von Marseille
Abfall im Hafen von Marseille

Viel wichtiger war mir dann zu einem gewissen Zeitpunkt, dass es in Marseille offenbar keine Taxis gibt, nicht um den Kai, nicht vor der großen Metrostation, nirgends. Meine Füße brannten, ich war müde und zu allem Übel war mein Handy leer.

Da sah ich sie. 4-5 höchst attraktive Vertreter der Police nationale, die, sehr im Hintergrund, aufmerksam das Geschehen um den Kai beobachteten. Ich ging zu ihnen, setzte mein hilflosestes „ich bin ein Mädchen, blond und weiß nicht weiter“ Gesicht auf (allen starken Mädels, die jetzt aufschreien und mich dafür verdammen – wenn man müde und geschlaucht ist, ist das einfach die bessere Methode 😉) und erklärte einem der Männer, dass ich verzweifelt nach einem Taxi suche, mein Hotel etwas außerhalb liegt und mein Handy keinen Saft mehr hat.

Was dann passierte, erstaunte mich sehr. Einer der Polizisten telefonierte mit der Zentrale, die ihm Nummern von möglichen Taxiunternehmen schickten, die er kontaktierte und ein Taxi für in 5min bestellte. Der andere unterhielt sich mit mir, woher ich käme – die Vespa Tour durch Europa finden alle cool – und ob ich eh nicht bestohlen worden bin, denn Taschendiebstähle seien in der Menge nicht so selten. Als nach 10 min noch immer kein Taxi da war, eruierten die beiden Hauptakteure einen Taxistandplatz und boten sich an mich bis dahin zu begleiten. Personenschutz, so zu sagen. Gerade, als wir starten wollten, kam das Taxi. Ich bedankte mich und konnte leider kein Selfie machen, aber ich schreibe sicher einen Brief an die Kommandantur.

Abends im Hafen von Marseille

Beim Heimfahren lag der Hafen dann so friedlich vor mir – ein letztes Foto für heute und endlich einmal ausschlafen! Morgen werde ich eine richtig touristische Besichtigung machen. Ich freu mich schon!

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4 comments

  1. wunderbare Reisegeschichten…ich freue mich schon auf den nächsten Tag! Weiterhin alles Gute , viel Vergnügen und achtsam bleiben.

  2. Also…. Nicht nur die Vespa Tour ist cool, sondern deine Entschlossenheit, diese Fahrt so vorzubereiten, alle Ängste über Bord zu werfen,…. ich hätte viel zu viel Angst vor Unfall in fremden Land, überfallen zu werden, krank zu werden usw. Ich bräuchte ein Begleitfahrzeug mit allen medikamentösen, sozialen und hygienischen Hilfsmitteln😜 und am besten gleich einen Mechaniker mit dazu eingepackt. Nein wirklich, Hochachtung. Aber ich glaube das hörst du überall.
    Deine Bilder sind wunderschön und man lernt sozusagen gleich Geschichte mit dazu.Ich wünsche dir weiterhin gute Fahrt und freu mich auf den nächsten Blog.
    🌷

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