29. Juni 2022: Tag 12 – Über wunderbare Bergstraßen, geschäftstüchtige Schweizer und fehlendes Netzwerk

29. Juni 2022: Tag 12 – Über wunderbare Bergstraßen, geschäftstüchtige Schweizer und fehlendes Netzwerk

Peyruis – Grenoble – Annecy – Genf – Lausanne – Montreux (km 500km)

Als ich aus Peyruis hinausfuhr Richtung Grenoble sah ich im Kreisverkehr das Schild „Zone industrielle Peyruis“ und dachte voll Amüsement an die Worte eines Freundes, der mich immer wieder in Industriegebieten wähnt, und fuhr daran vorbei. Erste Herausforderung gemeistert!

Ich hatte aufgrund der Länge der Strecke Teile auf kleinen Landstraßen über den einen, oder anderen Pass und Teile der Strecke über die Autobahn geplant. 

In Digne-les-Bains stieg ich in die Route Napoleon (Route nationale N85) ein, die einem Teil einer Marschroute folgt, die Napoleon Bonaparte und seine Truppen 1815 nach seiner Flucht aus der Verbannung auf Elba nach Grenoble zurücklegten. Sie führt von der Französischen Riviera bis nach Grenoble und umfasst gesamt 324km.

Route Napoleon
Route Napoleon
Pferde neben der Route Napoleon
Route Napoleon

Es war ein richtiger Spaß diese Strecke zu fahren, umso mehr, als ich langsam wirklich gut im Vorfahren von Kolonnen bin. Es macht mir aber auch zunehmend Freude kurvige Straßen zu fahren und ich habe bei mir gedacht, dass ich das gerne intensivieren möchte. Auf der Strecke liegen auch ein paar Pässe, der Gol Bayard kurz nach Gap war der höchste Pass (1246m).

Bei einer Tankstelle mit reizendem Pächter füllte ich höchst professionell Motoröl nach und die Principessa schnurrte verwöhnt und umhegt weiter.

Andrea auf der Route Napoleon
Öl nachfüllen

Kurz vor Grenoble leitete mich mein Navi über mehrere Kreisverkehre direkt ohne Mautstelle auf die Autobahn Richtung Grenoble. Nachdem mehrere Autos diesen Weg ebenfalls nahmen, dachte ich mir nichts Besonderes dabei, bis – ja, bis ich 26km weiter vor der Mautstelle stand und keine Karte hatte. Ich war recht stolz auf meine französischen Kenntnisse, als ich der Dame im off (Notrufknopf) erklärte, dass ich vor 26km aufgrund der Führung meines Navis aufgefahren wäre und dort keine Mautstelle war… nach einigen Sekunden des Schweigens die Frage zurück „Comment voulez-vous payer?“ „Avec la carte!“ Und ein paar Minuten später war ich nach Zahlung von 1,60 Euro wieder on the road. Zweite Herausforderung gemeistert!

Bis Annecy war es ein richtiges Vergnügen auf der Autobahn zu fahren, da besonders wenig Verkehr war und ich mir vorkam, wie am Salzburgring, wenn ich ihn mir gemietet hätte, 😉! Ich bin nicht zu schnell gefahren. Großes Ehrenwort! Vor Genf dann verdichtete sich der Verkehr, weil wir ja der Schweizer Grenze immer näherkamen, die direkt vor Genf liegt.

Das Erste, das ich sah, während ich auf die Grenzposten zu rollte war die freundliche Aufforderung, dass in der Schweiz auf den Autobahnen eine Vignette mitzuführen sei.

Franken

Also stehengeblieben und in den Wechselshop – ach ja, in der Schweiz haben sie Franken und keinen Euro – kurzfristig habe ich mich wie früher gefühlt, als eine Reiseplanung noch Geldwechseln mit sich gebracht hat. Dort im Shop versuchte ich der hinter dem Schalter sitzenden Dame zu erklären, dass ich genau 2 Tage in der Schweiz bin und was nun die geringste Tagesanzahl für eine Vignette sei. Ihr geduldiges Lächeln erinnerte mich daran, dass ich auch oft dieses Face zeige, wenn mir alle auf die Nerven gehen, ich sie für ziemlich dumm halte und doch aus welchem Grund auch immer freundlich bleiben muss. „In der Schweiz gibt es nur die Jahresvignette“.

Da gibt es nichts mehr zu argumentieren und ich muss sagen – geschäftstüchtig sind sie in jedem Fall, die Schweizer. Na dann, ich habe jetzt eine Jahresvignette 22 – sollte sie jemand brauchen. Man muss sie halt unverletzt von meinem Windschild herunter bringen 😊.

Bis zu diesem Zeitpunkt war ich sicher, dass heute der Tag meiner Reise ist, wo nichts passieren wird. Was sollte auch passieren ich war in Genf und Montreux war einfach um den See herum ca. 100km entfernt. Alles paletti!

Ich reihte mich nach der punktuellen Passkontrolle – mich wollten sie nicht – wieder ein, ein Blick auf mein Navi – nichts. Siedend heiß fiel es mir ein. Wieder einmal über eine Grenze und das Problem, dass mein Handy, oder mein Mobilfunkanbieter nicht in der Lage sind trotz mehrfacher Diskussion darüber, automatisch im nächsten Land das aktuelle Mobilfunknetz zu aktivieren (wenn ich zurückkomme, wechsle ich den Anbieter). Diesmal war ich nur zwischen geschätzten 20.000 Autos und einer mindestens 6-spurigen Zubringer? Außenautobahn – und auf keiner verdammten Tafel stand – Montreux. Also nahm ich irgendeine Spur und es war natürlich – die falsche. Irgendwann fand ich eine Möglichkeit der Kolonne zu entrinnen und kurz stehen zu bleiben. Es war heiß, ich in voller Motorradmontur, mein Handy weigerte sich konsequent einen Schweizer Mobilfunkanbieter zu akzeptieren und der Schweiß floss in Strömen… sollte ich an dieser Herausforderung scheitern. Die Überlegung das Handy zu Boden zu schmeißen und mit der Vespa mehrfach darüberzufahren habe ich dann fallen lassen und lieber ein vorbeikommendes Pärchen gefragt, wie ich denn nach Montreux komme. „Immer den Schildern Lausanne nach. Sie müssten halt jetzt verbotenerweise umdrehen, sonst kommen sie nie wieder dorthin. Vorne ist eine Tankstelle auf der Gegenüberliegenden Seite, wenn sie es schaffen einzufahren, können sie völlig ordnungsgemäß auf diese Straße ausfahren und sind schon auf der seeautobahn nach Lausanne.“ Erleichterung machte sich bei mir breit und die absolute Bereitschaft zum Verbrechen. Und so fuhr ich di 400m gerade, bog links unerlaubterweise ab und fuhr in die Tankstelle und völlig normal, als ob nie etwas gewesen wäre wieder heraus, reihte mich in die Schlange nach Lausanne ein und war endlich richtig unterwegs. Dass auf Schweizer Autobahnen nur 80km/h gefahren werden dürfen nervt gewaltig, aber ich war so dankbar am richtigen Weg zu sein, dass ich mich darüber wirklich nicht ärgerte.

Nach knapp 60km waren wir in Lausanne und es stellte sich dieselbe Situation, wie schon zuvor in Genf. Tausend Schilder – keines für Montreux. Verdammt noch einmal, da gibt es die goldene Rose, das Jazz Festival, Freddy Mercury war hier – WARUM WIRD ES NICHT ANGESCHRIEBEN? Inzwischen war es 17.30 Uhr und ich hatte im Hotel gemeldet, dass ich zwischen 17 und 18 Uhr kommen würde. Ich bog wieder falsch ab und endete in einer Sackgasse vor dem Parkplatz für die öffentliche Vergnügungsmeile am Strand von Lausanne. Es war noch wärmer geworden. Eigentlich jener Zeitpunkt, wo der Held der Geschichte ein Bier trinkt und alles wird gut. Ich war kurz vor einem Heulkrampf. In dieser Stimmung versuchte ich meinem Handy nochmals näher zu bringen, dass es auch Mobilnetze in der Schweiz gibt… und auf einmal, fragt mich nicht, was ich anders gemacht habe. Alles da! Herausforderung bestanden!

Montreux 59min. Ich rief kurz im Hotel an und startete die Vespa für die letzte Strecke des heutigen Tages. Ich muss jetzt nicht erwähnen, dass Megastaus von Lausanne bis Montreux den Weg pflasterten und ich elegant am Pannenstreifen viel Zeit gewonnen habe, da war ich aber nicht die Einzige 😉.

Genfer-See
Terrasse am Genfer See

Als ich beim Hotel vorfuhr wusste ich, jetzt wird wirklich Alles gut. Ein livrierter Boy, der mir die Taschen abnahm und mir einen Parkplatz zuwies, eine reizende Concierge, die mich begrüßte und mir gleich erklärte, dass man mich in ein Superior Zimmer upgegradet hätte und eh ich es mich versah, befand ich mich auf der hübschesten aller Hotelzimmerterrassen mit einem atemberaubenden Blick auf den Genfer See.

Ich schnappte mein Badezeug und ließ mich in die Fluten fallen – der Wörthersee bekommt ernstzunehmende Konkurrenz.

Das feine Abendessen, das ich mir ausnahmsweise gegönnt habe und der Gin Tonic als Abschluss bei Einbruch der Dunkelheit auf „meiner“ Terrasse entschädigten mich für alles.

Bereit fürs Abendessen
Abendessen
Getränk am Genfer See
Bereit fürs Abendessen

Es soll mir nie schlechter gehen, waren meine letzten Gedanken bevor ich in blütenweißem Damast in einen tiefen, traumlosen Schlaf fiel.

Share this post

1 comment

  1. Hübsch, Andrea! Nach diesen Strapazen, allein auf weiter Flur ohne Verbindung zu
    Menschen die mir helfen könnten , die Geschichte des Landes der Route noch zu erzählen, und dann noch so ausschauen!!!
    Ich glaub ich bin im Moment dein größter Fan!
    Schönen Abend und alles Gute f morgen!!!!
    Gabriella

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.