4. Juli 2022: Tag 17 – eine gefährliche Landpartie und die Erkenntnis, dass in manchem Ort die Zeit stillgestanden ist

4. Juli 2022: Tag 17 – eine gefährliche Landpartie und die Erkenntnis, dass in manchem Ort  die Zeit stillgestanden ist

Von Desenzano über Verona, Padua und Venedig nach Lido di Jesolo (ca. 250 km)

So sehr ich den Gardasee liebe, bei dieser Tour geht es auch immer wieder ums Loslassen, etwas, was ich leider ganz schlecht beherrsche. Daher, ein letztes Ciao, und los geht es. Ich wollte heute unbedingt auf Autobahnen verzichten und lenkte die Principessa Richtung Verona auf die Landstraße.

Route Desenzano Jesolo
Reiseroute von Anfang bis zum 4. Juli

Ich fuhr durch die tiefergelegenen Anteile Venetiens. Trotz fortschreitender Industrialisierung ist Venetien nach wie vor sehr stark landwirtschaftlich geprägt. Auf den großen Flächen in den fruchtbaren Ebenen und dem umliegenden Hügelland werden vorwiegend Getreide, Wein und Obst angebaut. Überall kann man die Produkte auch ab Hof kaufen und einzelne Höfe haben sich auch auf Ferienangebote spezialisiert. Dadurch versuchen sie den Ansprüchen des 21. Jahrhunderts gerecht zu werden. Ob das immer der richtige Weg ist und man nicht manchmal, wie ich heute am späteren Nachmittag belehrt wurde, alte Traditionen hochleben lassen sollte, ist ein anderes Thema und wahrscheinlich nicht für einen Reiseblog geeignet.

Die weiten Felder werden immer wieder von Bewässerungskanälen durchzogen und auch hier sieht man, wie schlimm die Trockenheit in Italien wirklich ist. Viele Felder mussten aufgegeben werden, bei anderen kämpft man mit künstlicher Bewässerung – solange diese noch erlaubt ist – jeden Tag aufs Neue gegen die klimatischen Tollheiten an.

Für einige Stunden Regen hätte ich gerne in Kauf genommen nass zu werden. Wenn man dann auf der anderen Seite die Verwüstungen in Kärnten sieht ….

In jedem Fall ist die Landschaft ziemlich gleichbleibend und ich sag es ehrlich auch eher langweilig, da es keine Kurven gibt und sich auch der Anblick über zig km nicht verändert.

Also beschloss ich doch auf die Autobahn aufzufahren, um ein wenig Zeit für den Strand zu gewinnen. Gesagt, getan. Ich fuhr mit den von mir als angenehm empfundenen 110- 120km/h auf einer „schnurgraden“ Autostrada. Zu der Zeit kein Verkehr, vor mir ein LKW. In Italien sind die LKW-Fahrer deutlich gesitteter und sie halten sich vor allem strikt an die 90 km/h. Offenbar sind die Strafen drakonisch. Ich setze zum Überholen an, achte nicht wirklich auf die Straße, sondern auf den Abstand zum LKW und merke daher nicht, dass die italienische Bastelleidenschaft zugeschlagen hat und die erste Spur ein wenig mit Teer begradigt wurde, was aber eine ca. 8cm Rille zur Überholspur bedeutete. Ich ziehe also vor den LKW, ein wenig zu knapp – hab meine Lektion gelernt! – und komme mit den Rädern bei 120km/h in die Rille. Selbst Heidenau K68 sind eben Vespa Reifen und keine Motorradpneus. Ich weiß nicht, wie ich es geschafft habe, dass die Maschine nicht zu Sturz gekommen ist und ich zu 100% vom LKW überrollt worden wäre (das hätte er niemals notbremsen können), ich war nur auf einmal hellwach und irgendwie war die Welt eine Spur heller.

Danke Papa für die geweihte Marienmünze aus Mariazell, danke Kathi Lhotsky für die Mariazeller Muttergottes, die Du mir um das Handgelenk gebunden hast und ich sie seither niemals heruntergegeben habe, danke Peter Wirth für Deine indianische Kraft- und Stärkeübertragung an mich vor meiner Abreise, danke all meinen Schutzengeln, die ein bisschen arbeiten mussten. Das Cola light bei der nächsten Raststation wurde ein wenig zittrig getrunken und die Bilder, die man sich dann im Nachhinein ausmalt, sind wirklich grauslich. Aber, hurra, ich lebe noch.

Somit bin ich dann sehr aufmerksam – musste ich auch, da ich in Venedig wieder einmal durch die Industriegebiete fuhr – bis nach Jesolo gefahren.

Hier habe ich alles das gefunden, was uns in den 60igern und 70igern zur Gewohnheit wurde. Ein wunderbares mittelgroßes im Familienbetrieb geführtes Hotel. Der Padrone, seine Schwester, seine Tochter. Hier hat alles seine Ordnung. Die Zimmer sind wunderbar, ich habe mich gleich in meine kleine Terrasse verliebt. Die große Terrasse vor der Bar ein Traum für den Aperitif und wer möchte, kann hier auch die Mahlzeiten einnehmen. Davor eine Liegewiese mit einem kleinen, aber super sauberen Pool mit Schwalldusche – wird in erster Linie von den Kindern frequentiert – und daran anschließend der Strand mit den Liegestühlen in Reih und Glied, die man zugewiesen bekommt und nicht so einfach hin stürmen kann und in Beschlag nehmen.

Der Pool im Hotel in Jesolo
Lido di Jesolo vom Hotelfenster aus
Lido di Jesolo mit "meinem" Hotel in der Mitte

Meine Principessa hat einen Parkplatz im Schatten – der Hausherr schwärmt für Vespa und ich bin ausgestattet mit Strandtuch und Infos über Essenszeiten. Abendessen um 19.30 Uhr. Man hört viel deutsch, auch die Familie spricht deutsch, aber auch italienisch und es gibt viele Kinder, was für mich ja eigentlich ein absolutes no go ist, aus welchem Grund auch immer diese Kinder sind angenehm, wohlerzogen und nicht auffällig. Hunde sind erlaubt, der Hotelhund wacht friedlich vor dem Empfang und liebt alle, aber in erster Linie den Padrone.

Der Strand super sauber und das Meer angenehm. Die Rotalgen, die inzwischen die gesamte Adria bewohnen sind leider ein Zeichen von sich stärker erwärmenden Wassers (Klimawandel), aber auch landwirtschaftliche Düngemittel oder nicht ausreichend geklärte städtische Abwässer, sind nicht giftig und zumeist nur im vordersten Strandabschnitt. Wenn man ein Stück hinausschwimmt, ist es einfach herrlich.

Granola: da werden Erinnerungen wach
Rotalgen im Meer vor Jesolo

Man zieht sich hier zum Abendessen um, wie damals. Weiße Stoffservietten mit Emblem und ein ordentlich eingedeckter Tisch. Die Weinflasche, die über mehrere Tage getrunken werden kann, wird in Eis gekühlt und Francesco ist bemüht alle Wünsche gleichzeitig zu erfüllen. Ich wählte die Crespelle und lag zu 100% richtig. Es ist dieser einzigartige Geschmack nach Italien und auf einmal spüre ich, dass es mir wirklich gut geht. So richtig gut mit jeder Faser meines Körpers. Bei den selbstgemachten Dolci habe ich dann nein gesagt und zum Käse gegriffen. Ein Taleggio vom Feinsten hat mir den Abend dann endgültig perfekt gemacht.

Käseplatte
Jesolo: der obligatorische Aperol

Francesco hat die Weinflasche für mich verstaut, ein leichter Soave aus der Umgebung. Ich werde ihn morgen mit Spaghetti al Ragú trinken.

Buona Notte famiglia! E grazie che sono ancora vivo.

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4 comments

  1. Meine Liebe –
    Alles so wunderschön und miterlebbar zu berichten
    Mit allen Höhen und Tiefen
    Herzlichen Dank fürs dabei sein dürfen
    Liebe Grüsse
    Und weiterhin my very very best

  2. Na liebe Andrea, da haben deine Schutzengel wirklich gut auf dich aufgepasst. Und Italien so wie du es beschreibst, ist einfach schön. Ich habe mir auch so viele Kindheitserinnerungen
    behalten und bin dankbar dafür die immer wieder erleben zu dürfen. Du wärst glaube ich auch eine super gute Reiseführerin.
    Gute Nacht und pass bitte auf dich weiterhin auf.
    Bis …..

  3. Boah krass, hab mir gerade diese Spurrille vorgestellt,in die Du geraten bist, liebe Andrea. Gut beschützt von allen guten Mächten konntest Du da unbeschadet Deine Fahrt fortsetzen .
    Kann mir denken, wie zittrig man nach so einer gefährlichen Situation am Hobel sitzt.
    Gott sei Dank geht Deine Reise weiter mit positiven kulinarischen Genüssen und netten Menschen,bei denen Du nächtigst.
    Pass gut auf auf Dich ..freu mich auf Deinen nächsten Bericht. 🍀🍀🍀🍀

  4. Wie ich es dir gesagt habe, deine Zeit ist gekommen und natürlich wirst du von allen guten Geistern beschützt.
    Ich habe mich bei deinen Jesolo-Schilderungen gleich in die Urlaube mit meinen Eltern versetzt gefühlt, herrlich.
    Bis bald und gute Fahrt!

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